Es war ein schöner Herbsttag. Das Laub fiel schon herunter, doch die Tage waren mild.
In und vor dem Café Veronica saßen Leute und unterhielten sich, während sie den Herbst genossen. Die Kulisse war von Geräuschen wie Kaffeelöffeln beim Rühren in der Tasse oder vom Absetzen von Tassen auf Untertassen durchsetzt. Sie war angenehm, nicht wirklich laut.

Commodore Blackrock, die Edelleute von Syntronica und einige andere hatten sich einen Tisch geteilt und waren ins Gespräch gekommen.
„Vielen Dank, Madame Veronica!“, sagte Blackrock und nickte der Besitzerin freundlich zu, als sie ihm noch einen großen Kaffee brachte.

Sabine Edelfrau von Syntronica war in einem Gespräch über das Bakker-Kléber-Institut versunken, als sich etwas Merkwürdiges langsam manifestierte. Sie hatte gerade den Namen Thijs van Doorn fallengelassen, als ihr Gegenüber die Augenbrauen schräg stellte.

„Wer ist diese Person?“ fragte der dunkelblonde Mann und schaute sie nachdenklich an.
„Professor Thijs van Doorn“, wiederholte sie, „er war doch schon beim BKI, als Sie dort studierten.“ Der Angesprochene schüttelte den Kopf: „Es tut mir leid. Der Name sagt mir nichts.“
„Vielleicht haben Sie keine Vorlesungen bei ihm besucht. Mir haben seine Temporalmechanik-Stunden sehr gefallen.“
„Temporalmechanik habe ich bei Professor Noud Peeters gehabt“, sagte er und die Frau, die links neben ihm saß, nickte zustimmend.
„Er ist doch immer noch der Vorsitzende des Lehrstuhls für Temporalmechanik“, intervenierte die Edelfrau und erntete skeptische Blicke.
„Sie meinen Professor Noud Peeters, wie ich gerade schon bemerkte. Dieser ist salopp gesprochen der ewige Vorsitzende.“
„Moment!“, sagte die Edelfrau, „Professor Peters war sein Stellvertreter.“
Ihr Gegenüber und die Frau schüttelten den Kopf.

Sabine Edelfrau von Syntronica wandte sich an ihren Gemahl und fragte: „Bevor ich hier völlig durcheinanderkomme … War Professor van Doorn oder Peeters der Vorsitzende des Lehrstuhls für Temporalmechanik?“
Er schaute sie verwundert an: „Van Doorn! Der hat ihn immer noch inne.“
Der Mann, mit dem die Edelfrau gesprochen hatte, kam mit seinem Oberkörper näher zum Edelherrn: „Sind Sie sicher, dass Sie beim Bakker-Klléber-Institut in Valckenburg studiert haben?“
„Ja, natürlich!“, antwortete dieser, „mir ist kein anderes BKI bekannt.“
„Mir auch nicht!“
Der Edelherr schaute den Mann fragend an und bekam genau den gleichen Blick zurück.

„Mein Name ist übrigens Marinus Groenewegen.“
„Dietmar Edelherr von Syntronica.“
„Blackrock“, sagte sein Sitznachbar.
„Worum geht es eigentlich genau, Herr Groenewegen?“ fragte der Edelherr freundlich.
„Meine Begleitung und ich sind etwas irritiert, nachdem der Name Professor van Doorn fiel“, begann Groenewegen, „Uns ist im Gegensatz zu Ihnen dieser Name nicht bekannt.“
Kurzes Schweigen aller am Tisch sitzenden war das Resultat.
„Mein Gemahl und ich haben bei Van Doorn unsere Promotion gemacht“, fing die Edelfrau an, als Blackrock nähergerutscht kam und „Ich ebenso.“ sagte. „Entweder reden wir von zwei völlig verschiedenen Dingen oder es handelt sich um ein Missverständnis.“
„Gut!“, begann Groenewegen, „Ich habe bei Professor Noud Peeters mein Diplom in der Temporalmechanik gemacht. Das war zwei Jahre früher als Sie, wie Ihre Gemahlin berichtete. Sie beide – Entschuldigung – Sie Drei haben Ihr Studium im gleichen Fach bei einem Professor namens van Doorn abgeschlossen. Ihre Gemahlin sagte ferner, dass Ihnen Peeters als Stellvertreter von van Doorn bekannt sei.“
„Das ist korrekt. Wir haben am Bakker-Kléber-Institut zur Erforschung Temporaler Phänomene in Valckenburg bei Professor Thijs van Doorn studiert und auch promoviert. Wie bereits gesagt wurde, war Noud Peeters sein Stellvertreter.“
Die Begleiterin von Groenewegen stellte sich als Emma Verbeek vor. Sie sagte, sie sei schon seit ihrer Lehre als Verwaltungskraft im BKI tätig, kenne aber niemanden mit dem Namen van Doorn.
Die zwei Gruppen, von denen eine van Doorn kannte und die andere nicht, schauten sich gegenseitig sehr fragend an.

Am Nachmittag hatte es keinen Konsens gegeben bei dem Gespräch im Café Veronica. Verbeek und Groenewegen, aber auch die drei anderen – Sabine und Dietmar von Syntronica sowie Commodore Blackrock – hatten kein Licht ins Dunkel um Van Doorn und Peeters gebracht.
Beide hatten den anderen anscheinend unterschwellig einen Ulk unterstellt. Sie hatten sich dann irgendwann verabschiedet und sich versprochen, dass jeder für sich nachschaut, was auf den Urkunden stehen möge.

Ein lauer Herbstwind wehte über die Servatiusbrücke über der Maas, über die die Von Syntronicas und Blackrock spazierten.

Blackrock war nachdenklich geworden. Er blieb kurz stehen und atmete die Luft tief ein und aus. Er schüttelte den Kopf.
„Was ist los?“, wollte Sabine von Syntronica wissen und legt eine Hand auf seine Schulter.
„Mir geht diese seltsame Geschichte über van Doorn und Peeters durch den Kopf.“, antwortete er, „ich bekomme keine Linie in die Sache. Der Name Emma Verbeek kommt mir bekannt vor. Wahrscheinlich vom BKI. Vielleicht kommt es auch davon, dass sie sagte, sie arbeite dort.“
„Ich hatte keine Ahnung bis vor kurzem, dass es sie in der Verwaltung gibt“, sagte die Edelfrau, „Ich bin ihr nie begegnet, zumindest nicht bewusst.“
„Wenn es nicht so weit weg wäre, würde ich eben Zuhause schauen, was auf meiner Urkunde steht“, sagte Blackrock, „notgedrungen müssen wir allerdings ein paar Tage warten.“

„Was wäre, wenn jemand irgend etwas manipuliert hat in der Vergangenheit?“ bekam der Edelherr plötzlich einen Geistesblitz, nachdem sie weitergegangen waren.
„Daran hatte ich auch kurz gedacht“, sagte Blackrock und wog den Kopf hin und her, „doch warum hätte Euch eine Manipulation nicht berühren sollen?“
Der Edelherr schaute Blackrock an und überlegte kurz: „Doch, da ist etwas dran, an Deinem Einwand. Stimmt, das wäre unlogisch.“

Die Drei gingen schweigend nebeneinander zum Hotel.

Im Saal des Hotels herrschte Hektik am nächsten Morgen.
Viele Gäste waren extra für den Kongress der Organisation der Zeitreisenden angereist.
Blackrock saß an einem Tisch mit zwei Personen und unterhielt sich sehr angeregt mit ihnen, als Sabine und Dietmar von Syntronica eintraten. Sie gingen zu dem Tisch, an dem noch drei Plätze frei waren.

„Guten Morgen zusammen! Ist hier noch etwas frei?“ fragte der Edelherr höflich.
„Natürlich!“, antwortete einer der Sitzenden und stand auf; „Setzen Sie sich bitte! Heimdahl, Friedrich Heimdahl, mein Name.“
„Johann Nährenwald“, stellte sich der zweite vor.
„Sabine und Dietmar von Syntronica“
„Guten Morgen!“ sagte Blackrock, „Habt Ihr auch so schlecht geschlafen?“ und grinste breit.

Direkt war eine Bedienung hinter ihnen, nachdem sie sich gesetzt hatten. Nach dem Bestellen von Kaffee holten sie sich erstmal etwas vom Buffet.

„Herr Nährenwald und Herr Heimdahl, sind Sie Reporter?“
Beide schauten verblüfft hoch. Sabine von Syntronica lachte leise: „Ich gehe davon aus, dass sich in ihren Ledertaschen tragbare Differenzenmaschinen befinden.“
Blackrock grinste still vor sich hin.

„Bevor ich es vergesse“, sagte er an die beiden neuen am Tisch gerichtet, „unser Reporter Nährenwald kennt nur Peeters, aber nicht van Doorn.“
„Wir waren heute Nacht auch nicht untätig, was kreative Gedanken und Schlussfolgerungen angeht“, sagte Dietmar von Syntronica, „wir haben sogar eine mögliche Lösung gefunden.“
Blackrock ließ die kleine Gabel fast fallen.
„Ich bin ganz Ohr.“
„Ich sage nur: Die Pest, 1372.“

Nach der Tagung ist wie vor der Tagung.
Die Tagung der Organisation der Zeitreisenden war gegen 18 Uhr beendet und die Teilnehmer sprachen noch einige Zeit miteinander.
Blackrock und die beiden Von Syntronicas hatten sich in einem Café nahe des Saals niedergelassen und tranken Espresso.

„Vor einer Stunde habe ich mit dem Büro gesprochen“, sagte Blackrock, woraufhin Dietmar Edelherr von Syntronica die Augenbrauen etwas anhob, „Es scheint einen Thijs van Doorn gegeben zu haben, allerdings ist er an einer Lungenentzündung oder – Embolie im Alter von fünfzehn Jahren gestorben. Das Geburtsdatum stimmt, soweit ich mich erinnern kann. Auch der Geburtsort Deventer stimmt überein. Das Problem ist, dass niemand den besagten Professor van Doorn kennt. Eure Vermutung stimmt. Wir hatten nach der Mission im Jahre 1372 einen Stopp eingelegt in Deventer. Wir waren beim Athenaeum illustre.“

„Athenaeum illustre“, machte Sabine Edelfrau von Syntroinica, „Wir haben uns den Kopf zerbrochen, wie dieses Gymnasium hieß, wo mein Gemahl den kleinen Jungen angerempelt hatte.“
„Den kleinen Jungen, der hätte von Bedeutung sein müssen.“
„Wie dem auch sei“, sagte der Edelherr, „Wir müssen dies wiederherstellen.“
„Ich war auch nicht untätig“, sagte die Edelfrau und lächelte Blackrock an, „Ich kann mir morgen früh am Akademischen Krankenhaus einen Injektor abholen. Mit impfstoff.“
„Das ist sehr gut. Dann können wir uns ja morgen direkt auf den Weg machen.“

Es war morgens halb acht in Deventer. Das Zeitschiff der Edelleute von Syntronica war in der Nähe des Athenaeum illustre gelandet. Die drei Zeitreisenden waren angespannt. Die Edelfrau hatte den Injektor in ihren schwarzen Mantel verstaut. Vorher hatte sie ihn desinfiziert und in einen Lederbeutel gesteckt.

Einige Schüler gingen Richtung des Gymnasiums.

„Stehen wir eigentlich richtig?“ vegewisserte Blackrock sich.
„Ja!“, antwortete der Edelherr nickend, „Er wohnt im Diepenveenseweg. Das ist die einzige Route, die er nehmen kann.“

Knapp eine Viertelstunde später kam ihnen ein Junge entgegen.

„Blackrock, gibt mir mal Dein Fernrohr!“
Er tat das ihm Gesagte und gab seinem Freund das „Guckeisen“, wie er zu nennen pflegte.
Dietmar Edelherr von Syntronica hielt es sich vor das rechte Auge und nickte.

„Das ist er. Das ist der, den ich angerempelt habe.“
Die Edelfrau nahm ihm das Fernrohr ab und bestätigte dies.
„In den sechs Wochen hat er sich nicht groß geändert“, sagte sie lachend und ging langsam dem Jungen entgegen. Sie griff sich den Injektor und machte sich bereit.

„Was für ein schöner Tag!“, begrüßte sie ihn. Der Junge grüßte zurück.

Als er an ihr vorbei war, drückte sie den Injektor in seinen Arm, während sie ihn absichtlich rammte. Es zischte kurz und der Impfstoff war in dem Jungen.

„Aua!“ sagte dieser laut.
„Entschuldige, Junge. Ich bin wohl noch nicht ganz wach. Einen schönen Tag wünsche ich Dir.“

Er ging weiter und rieb sich den Arm.
Als der Junge in die Nähe des Edelherrs kam, schaute dieser weg. Der Junge betrat den Schulhof des Athenaeum illustre und verschwand.

Danach kam die Edelfrau zurück zu den beiden. Sie gingen zum Zeitschiff und flogen zur Tagung nach Maastricht.

„Bin ich froh, dass wir einen Geistesblitz hatten“ sagte der Edelherr, als sie angekommen waren, „und uns erinnerten, dass wir nach der Mission im Jahre 1372 noch in Deventer waren.“
„Du hattest wohl noch irgendwo an Deiner Kleidung Pest-Erreger kleben und hast diese an den Jungen beim Anrempeln übertragen“, stimmte Blackrock zu.
„Ja“, fügte die Edelfrau hinzu, „Die Impfung gegen Pest gab es erst ein paar Jahre nach dem Zusammenstoß. Wir Zeitreisende haben sie aber. Deswegen wurden wir nicht krank, aber der Junge. Gut, dass wir entschieden haben, dass wir ihm die Impfung sechs Wochen vor dem Anrempler geben. So konnte sich der Impfstoff im Körper einnisten.“

Blackrock grinste und meinte: „Ich werde über die Sache keinen Bericht verfassen.“

Als sie das Zeitschiff verließen, kamen sie an einem Plakat vorbei, auf dem stand: „Neueste Entwicklungen der Temporalmechanik: Dozent Professor Thijs van Doorn.“

Epilog

Vor einem einsamen Landhaus standen pferdelose, selbstfahrende Kutschen. Auf einem anderen Platz standen zwei große Luftschiffe.
Um das Areal liefen elegant gekleidete Personen und schauten nach dem Rechten.
Vor dem Eingang des Landhauses standen in lockerer Formation etwa zwanzig Personen, die so taten, als wären sie zufällig dort. Ihre Blicke waren jedoch sehr wachsam.

Im großen Saal schien trübes Licht. In der Mitte stand ein leicht untersetzter Mann mit dunkelgrünem Anzug.
Ein Mann vor ihm nahe der Wand erhob sich von seinem Sessel.

„Herr Eberspächer“, sagte dieser in ruhigem Ton, „Wie wir hörten, haben Sie Ihre Mission gut vorbereitet.“
Er machte eine Pause und atmete. Dann machte er einen Wink mit der Hand Richtung seines Gegenübers.

„Wir haben im Jahr 1372 – ich sage es einfach – Hustenauswurf gewinnen können. Dieser stammte von einer Frau, die an der Pest erkrankt war.“
Er ließ seine Worte wirken und versuchte, das Gesicht des anderen Mannes zu erkennen. Dieser blieb unbeweglich und stumm.
„Durch detaillierte Beobachtung der Zielperson haben wir eine – im Nachhinein betrachtet – einfache Möglichkeit gefunden, ihn zu infizieren. Und dies auch noch zu vertuschen.“

Er hielt inne und schaute neben sich, wo ein ihm Unbekannter eine Malerstafette hingestellt hatte, auf dem anscheinend ein noch verhangenes Bild stand.

„Im Jahre 1372 war ein Zeitreisender, der durch Zufall ein jüngeres Ich der Zielperson angerempelt hatte, bei einem Abstecher, bevor er in seine Heimatzeit zurückkehre. Dieser ging noch zur Schule in der niederländischen Stadt Deventer. Dies war eine schöne Gelegenheit, um unser Vorhaben in die Tat umzusetzen.“
Er wartete kurz, doch niemand reagierte.
„Damit es keine Rückschlüsse auf uns gab, postierten wir jemanden von uns in Deventer. Dieser kam dem Zeitreisenden entgegen und havarierte ihn mit dem Hustenauswurf an genau der Stelle, an der dieser mit der Zielperson zusammenstoßen sollte. Und es klappte. Die Zielperson wurde mit der Pest infiziert.“

„Danke für Ihre Ausführungen, Herr Eberspächer!“ sagte der Mann, „Die Idee war nicht schlecht. Sie haben die Zielperson über einen Dritten, einen zufällig Dahergelaufenen, der nachweislich immun gegen die Pest ist, angesteckt.“
„Wir haben die ganze Vita der Zielperson durch mehrere unserer Mitarbeiter beobachten lassen und diese Begegnung war die beste Möglichkeit, sich der Zielperson zu entledigen.“
„Die Sammlung der Ereignisse war nicht schlecht“, gab der Mann, dessen Gesicht immer noch nicht zu erkennen war, zu, „Ich möchte Sie um etwas bitten, Herr Eberspächer.“

Er machte eine Pause.

„Neben Ihnen befindet sich eine Stafette. Bitte nehmen Sie das Tuch hoch!“

Eberspächer tat das ihm geheißene.
Auf der Staffette kam ein Plakat zum Vorschein mit der Aufschrift:

„Neueste Entwicklungen der Temporalmechanik: Dozent Professor Thijs van Doorn.“

Eberspächer schaute sich daran fest und wurde stocksteif. Ihm fröstelte.

„Herr Eberspächer, dies ist ein Geschenk für Sie. Bitte nehmen Sie es an sich!“
Im selben Augenblick öffnete sich eine Tür.

„Sie dürfen gehen.“

Eberspächer erwachte aus der Starre und wusste nicht, was er denken und sagen sollte.
Der Diener, der die Stafette gebracht hatte, wartete, bis der Mann in Dunkelgrün das Plakat an sich genommen hatte, und trug die Stafette aus dem Raum.
Eberspächer verließ auch den Saal.

„Herr Eberspächer“, murmelte der Mann, „Ihre Mission und die Ihrer Mitarbeiter ist auf der Erde für immer beendet.“

Copyright : Dietmar Schneidewind, www.d-sch.com

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