„Holde Maid, edler Recke, zieht das nächste Mal Kleidung in gesetzten Farben an! Nicht dass man meinet, Ihr wäret Vogelfreie. Oder viel schlimmer – Euch der Häresie bezichtigt.“
Die beiden Personen, denen der Rat galt, fühlten sich nicht angesprochen. Die Frau und der Herr schauten den an, der sie angesprochen hatte. Sie wollten etwas sagen, doch dann kam Bewegung in die Masse der langsam voranschreitenden Menschen.

„Macht Platz! Aus dem Weg!”, rief eine dominante Männerstimme, “Macht Platz für den Amtsschreiber! Aus dem Weg!“
Er ließ seine Peitsche vom Pferd aus kreisen und die Enden sehr nahe an den Köpfen des „Pöbels“ knallen, sodass diese erschraken und Reißaus nahmen oder sich demütig hinknieten und ängstlich verharrten.
Das Geklapper der Pferdhufe auf den Wegen wurde lauter.
Ein kleiner Tross ritt mit hohem Tempo durch Bebelingen. Dazwischen zogen Pferde eine Kutsche, in der der Amtsschreiber Joachim Aytinger saß. Er schaute nicht hinaus, sondern starrte auf irgendetwas, das auf seinem Schoß lag.
Als die Berittenen weg waren, begann das Treiben wieder an Worte und Bewegung zu gewinnen. Mitten drin die beiden, die etwas bunter angezogen waren als die anderen.


Auch am nächsten Tag war Markt in Bebelingen.
In gesetztem Braun wanderten die Menschen den Schlossberg hoch. Ein Pärchen, das heute im Gegensatz zum gestrigen Tag in dunklen Tönen gekleidet war, schaute sich verschiedene Stoffe an, die die Tuchmacher anpriesen. Auch wanderten sie an an den Ständen mit den Gemüsen oder den Früchten entlang. Ihnen ging es gut und sie ließen es sich sowieso wie immer gutgehen. Den Geruch von teils verdorbenem Obst ignorierten sie beflissentlich. Man musste ja nichts kaufen.

Ein hochgewachsener Mann, der seine Kapuze tief ins Gesicht gezogen hatte, kam auf sie zu und verbeugte sich vor ihnen und machte eine rudernde Bewegung mit dem rechten Arm.
Die beiden blieben kurz stehen.
„Seid gegrüßt!“, sagte er mit tiefer Stimme, „Wie geht es den Edelleuten?“
Die beiden Angesprochenen schaute durch ihn hindurch und nickte sich selbst gegenseitig zu.
„Ich freue mich, Euch zu sehen, Sabine und Dietmar“, sprach er sie erneut an, „was verschlägt Euch ins Jahr 1525?“
Der Mann stutze, weil er seinen Vornamen gehört hatte, irgnorierte ihn aber aus der Gewohnheit heraus. Der andere setzte seine Kapuze ab und sagte: „Eins muss man Euch lassen, Ihr haltet Euch genau an die Direktiven der ‚Organisation der Zeitreisenden‘.“
„Heinrich!“, rief die Frau und sagte etwas leiser: „Wo kommst Du denn plötzlich her?“

„Das ist eine kuriose Sache, meine Lieben!“
„Was für eine Zeitreise machst Du denn gerade?“
„Ich bin unfreiwillig Zeitreisender geworden“, antwortete er und drehte seinen Kopf etwas schräg. Er machte eine runde Bewegung. „Nun bin ich hier.“
„Du hättest nicht einfach so gehen sollen ohne einen Abschied“, meinte Sabine„ Edelfrau von Syntronica, „Wir hatten uns Sorgen gemacht.“
„Es tut mir aufrichtig leid“, sagte Heinrich, „Ich hoffe, dass ich Euch alles erklären kann.“
Er atmete tief ein und aus. Er schaute kurz um sich: „Ich schlage vor, wir gehen in die nahegelegene Traverne. Ich erkläre es Euch dann.“


Der Edelherr nippte an seinem Dünnbier und schüttelte sich: „Mein Gott, an dieses ekelhafte Gesöff werde ich mich nie gewöhnen.“
„Frag besser nicht, wie der Most schmeckt“, meinte seine Gemahlin, „Ich will gar nicht wissen, was dort wirklich vergoren wurde!“
„Zum Wohl!“, machte Heinrich und die drei prosteten sich grinsend zu.

Die Tür schwang auf und ein mürrischer Mann kam herein. Er ging zu den Dreien und wartete. Er fasste sich an den Dolch, den er am Gürtel hängen hatte. Heinrich starrte ihn an und wechselte einen Blick zu den beiden anderen.

„Ihr sitzt auf meinem Platz“, schnauzte der verkrüppelte Mann und griff ins Regal nach einen Humpen. Der Wort eilte zu ihm und goss ihm schnell ein.
„Wie töricht von Euch, Euch auf den Platz des Henkers zu setzen“, sagte der Wirt. Die Personen neben ihm lachten dreckig. „Aber das kann ja nur Auswärtigen passieren.“
Das Gelächter nahm zu. Der Henker schaute grimmig. Die drei „Auswärtigen“ wechelten einen tiefen Blick und standen auf. Sie gingen zu Tür und warfen ihre Humpen Richtung des Tresens.
„Du kannst von Glück reden, dass wir schon bezahlt haben, Wirt“, rief Heinrich, „Ich sehe heute von Repressalien gegen Dich ab.“
Die Tavernenbesucher johlten und feixten laut.


„Ein schickes Schiff habt Ihr“, sagte Heinrich und schaute sich staunend um, „Respekt!“
„Seitdem wir Chrono.Tours übernommen haben, hat das Reisebüro einen riesigen Sprung nach vorne gemacht“, erwiderte Dietmar, Edelherr von Syntronica, „Schiffe dieser Art setzen wir in unserer Flotte auch ein, aber dieses haben wir uns extra für uns privat zugelegt und es auch für rein private Zwecke umbauen lassen. Wenn Du magst, führen wir Dich kurz herum.“
„Danke gerne!“, sagte Heinrich Lapicida, „Ich würde es allerdings auf später verschieben. Ich hoffe, dass dies nicht unhöflich wirkt.“
„Nein, keineswegs, Heinrich. Wir haben uns bestimmt einiges zu erzählen“. Der Edelherr machte eine Bewegung mit seinem Arm und wies in Richtung einer Kemenate, aus dem Licht schien. „Setzen wir uns hier!“
In dem Raum standen einige Sessel und zwei Sofas mit roten Brokat, die mit feinen goldenen Litzen bestickt waren. Dort standen auch drei Sessel um einen Tisch aus Elfenbein. Die drei setzen sich und stellten ihre Krüge auf dem Tisch ab.

„Wo bist Du gewesen?“ wollte die Edelfrau wissen.
„Ich fange relativ weit vorne an“, begann Heinrich, „Ich bin Euch sehr dankbar und das möchte ich nochmals bekräftigen, dass Ihr mich aus dem Temporalem Fragment befreit habt. Ich habe bis jetzt noch nicht herausbekommen, wie lange ich dort drin war. Genauso wenig gibt es Aufzeichnungen, wo das Fragment herkam. Es hat anscheiend auch niemand sonst bemerkt. Ich weiß nur, dass ich am 25. Dezember im Jahre 800 gestartet bin. Den Rest kennt Ihr ja.“
Er nippte an seinem Krug. Die Edelleute nickten.
„Du hattest Dich ja beschwert, Sabine, dass ich mich nicht verabschiedet habe. Das war mir leider nicht möglich. Der Aufenthalt in dem Temporalen Fragment hat mich anscheinend so verändert, dass ich zum unfreiwilligen Zeitreisenden oder besser gesagt Zeitpendler geworden bin. Ohne große VorWarnungen oder etwas anderes transferiere ich urplötzlich durch die Zeit. Ich kann nichts dagegen tun. Es passiert einfach so. In unregelmäßigen Abständen zudem noch.“
Der Edelherr rieb sich am Kinn: „Hm, verstehe ich das richtig, Du transferierst ohne eine Apparatur?“
„So ist es! Dazu kommt noch, dass ich sowohl rückwärts als auch vorwärts durch die Zeit reise. Und ich weiß nie, wielange ich irgendwo bin.“
Alle Drei schauten sich verdutzt an und sagten erstmal nichts. Sie nippten schweigend an ihren Krügen und tranken.


„Wie lange ist es eigentlich seit unserem letzten Treffen her?“ wollte Heinrich wissen.
„Es muss etwa zwei Jahre her sein“, antwortete der Edelherr, „Was hast Du denn so erlebt?“ Heinrich nahm einen großen Schluck und ließ ihn langsam durch die Kehle laufen.
„Während Ihr nur zwei Jahre durchlebt habt, bin ich von hier nach dort geschleudert worden. Ich bin bis jetzt nur bis zur Eiszeit gekommen. Ich vermute, dass es die Eiszeit war, denn ich habe Mammuts gesehen, zumindest waren es Elefanten mit langem Fell und Riesenstoßzähnen.“
Er grinste breit: „Es war richtig kalt. Glücklicherweise war ich nur etwa einen Tag dort. Ich hatte keine warme Kleidung bei mir.“
„Hat man eigentlich herausbekommen, ob man Dich heilen könnte?” fragte Sabine, die Edelfrau.
„Theoretisch, ja! Ich war in einer – Ich sage mal – fernen Zukunft. Dort habe ich mich untersuchen lassen. Leider weiß ich nicht, ob oder welche Ergebnisse vorliegen, weil ich kurz danach transferierte.”
Sabine, Edelfrau von Syntronica schüttelte den Kopf: „Kurz davor! Schade! Belastet es Dich nicht, nie zu wissen, was passiert, ob Du noch irgendwo bleiben kannst, was als nächstes kommt und so weiter?”
„Erst ja, aber irgendwann habe ich es hingenommen. Solange wie ich noch nicht geheilt bin, kann ich leider nichts dagegen tun.“ Er schaute betrübt und ließ seine Schultern hängen. Dann versuchte er ein Lächeln, das nur gequält wirkte.
„Ich habe soviel gesehen. Sowohl in der Vergangenheit als auch in der Zukunft, dass ich mich als Chronist sehe. Ich mache mir Notizen, doch das werden bestimmt irgendwann soviele sein, dass ich sie nicht mehr mitnehmen kann. Ich kann eigentlich nichts mitnehmen. Ich transferiere mitsamt meiner Kleidung, weil ich die im Fragment getragen hatte. Wenn ich etwas unter meinen Rock schiebe, wird es mittransferiert. Das Kuriose ist, dass das, was ich anfasse, aber nicht vollständig umschlungen habe, in der Zeit blieb, in der ich vor kurzem noch war. „
„ Was für ein Schicksal! „ seufzte Sabine traurig. Heinrich nickte nur.

Nach einer Weile fragte der Edelherr : „Lässt der Effekt nach? Ich meine damit, ob zwischen den Reisen kleinere Zeitdistanzen auftreten.“
Heinrich schüttelte den Kopf und nahm einen Schluck: „Nein, es ist nicht nachvollziehbar. Ich beobachtete es, aber es gibt keine Regelmäßigkeit. Vielleicht habe ich sie auch noch nicht erkannt.“
Er atmete tief ein.
„Bevor ich es vergesse, Ihr Zwei. Ich habe ein Geschenk für Euch, besser gesagt zwei.“
Beide horchten auf.
„Aha!“ machte die Edelfrau.
„Fliegt bitte zum 28.6.1708 auf 15 Uhr nach Köln in Deutschland. Dort geht Ihr zum Dom. Wenn Ihr vor den Toren steht, geht Ihr nach rechts und zum zweiten Absatz des Bauwerks. Ihr geht dann zu den Fundamenten. Eine Stele ist nur kniehoch. Darin findet Ihr Eure Geschenke. Ihr müsst die Steinkiste allerdings zerstören, aber das geht mit einigen Hammerhieben.“
„Vielen Dank, Heinrich!“
„Wir danken Dir.“
„Das ist mein Dank dafür, dass Ihr mich aus dem Fragment befreit habt.“ sagte er, „Ihr könnt Euch vorstellen, dass es nicht so einfach war. Ich musste die Geschenke unter meinen Rock tragen, um sie mitnehmen zu können.“
„Wo hast du denn die Steinkiste her?“ fragte die Edelfrau.
Heinrich schmunzelte: „Ich habe die Kunst von meinem Vater gelernt, wie schon viele meiner Ahnen davor von ihren Vätern. Wernerus Lapicida ist übrigens der urkundlich erste erwähnte Steinmetz unserer Ahnenreihe.“
„Gut … Damit kann ich nicht mithalten“, feixte der Edelherr von Syntronica, „aber dafür hieß der urkundlich Ersterwähnte unserer Ahnen auch Wernerus.“
„Auf die zwei mit dem Namen Wernerus!“ prostete Sabine beiden zu.

„Wie Du erwähnt hast, habt Ihr jetzt ein Reisebüro?“ „Ja, das haben wir von jemandem übernommen“, begann Sabine, „eine lange Geschichte. Aber es floriert wieder, seitdem es in unseren Händen ist. Wir bieten unter anderem Zeitkreuzfahrten an. Momentan ist neu im Angebot, dass man sich ansehen kann, wie Siegfried, der Drachentöter, sein Schwert Balmung schmiedet. Wir stehen hinter einer halbdurchlässigen Steinwand.“
„Das ist ja großartig!“
„Ebenso bieten wir an, Berta Benz zu beobachten, wie sie nach Pforzheim fährt. Oder zum Stapellauf der Titanic. Auch sind wir Zuschauer bei der ersten Erdölbohrung. „
„Amerika!“
„Nein, ein kleiner Ort namens Wietze in Deutschland, 1858.“
„Potzblitz! Das hätte ich jetzt nicht gedacht.“
„Wir auch nicht, Heinrich.“
Sie prosteten sich wieder zu.

„Wer von Euch ist eigentlich der Botschafter?“
„Ich!“ machte Sabine und grinste.
Heinrich wollte etwas sagen, doch Dietmar sagte ebenfalls : „Ich!“
Heinrich schaute beide abschätzend an und bewegte seinen rechten Zeigefinger am Krug von Sabine zu Dietmar und wieder zurück. Beide grinsten.
„Ihr seid beide Botschafter von ChronaspheriaRepublik Chronaspheria Die Republik Chronaspheria ist eine demokratische, liberale Republik mit der Hauptstadt Monasteria.?!“
„Oui Monsieur. C’est vrai.“ warf der Edelherr ein.
„Wie habt Ihr das denn geschafft?“
„Es war nicht geplant. Wir hatten auch keine Ambitionen, es zu machen, aber Bekannte haben uns anscheinend vorgeschlagen.“
„Sie haaaben uns überhaupt nicht gedrängt, es zu tun“, sagte Sabine in übertriebenem ironischen Ton.

„Hineingespielt haben einige Dinge“, erklärte der Edelherr, „wir sind bei einigen Querelen positiv aufgefallen. Sagt Dir ‚der heilige Simeon‘ etwas?“
„ ‚Der heilige Simeon‘! Hör bloß auf!“ winkte Heinrich ab, „dieser kleine selbstverliebte Wicht hat mich schon einiges an Energie gekostet. Da bin ich irgendwie froh, dass ich Zeitpendler bin, ansonsten wäre ich bestimmt Mörder geworden.“
Alle drei lachten herzlich.
„Auf dem Ball der Zeitpolizei wurden die Visa und Temporalmarken kontrolliert“, erzählte der Edelherr, „das hat ihm schon nicht gepasst, da auch er und seine Begleitung kontrolliert wurden, weil ihn ja jeder kennen müsste.“
„Entschuldigung!“ unterbrach Heinrich, „Diese Begleitung ist natürlich nuuur Begleitung, nichts anderes, obwohl die beiden immer zusammen auftauchen, wobei seine Frau zu Hause bleibt.“
Sie lachten wieder und die Krüge wurden wieder gefüllt.
„Alles nur Zufall!“
„Ein Prosit auf den Zufall und die intakten Ehen!“

„Weil er ja niemanden oder nur oberflächlich von der Region Süd kannte, hatte er sich zu einigen von denen gesetzt. Die hatten aber seltsamerweise keine Lust, sich mit ihm zu unterhalten. Er muss denen wohl einige seiner Heldentaten erzählt haben.“
„Seine Heldentaten! Um Himmels Willen, dieser geistige Gestank!“ unterbrach Heinrich und schüttelte den Kopf, „der merkt wirklich nicht, dass ihn keiner ernst nimmt.“
„Seine Lobeshymnen auf sich selbst hat keinen von seinen neuen Opfern gefallen. Als er wegen mangelnder Aufmerksamkeit wutschnaubend gegangen ist, hat er fast noch eine Stufe übersehen. Dann saß er den ganzen Abend fast alleine mit seiner Begleitung.“
Man stieß die Krüge aneinander und Trank.

„Dann ist es passiert. Einer der Lakaien vom ‚heiligen Simeon‘ wurde nicht eingelassen, weil er keinen Ausweis bei sich trug und erhielt zudem noch eine schriftliche Ermahnung“, erzählte der Edelherr weiter, „das hatten zwei von der Schreibenden Zunft am nächsten Tag in der Zeitung erwähnt.“
Heinrich machte ein abwartendes Gesicht.
„Dann ist er am Herausgabetag in der Redaktion des ‚Sekundenzeigers der Zeit‘ erschienen“, klärte Sabine Heinrich weiter auf, „da muss er einen riesigen Aufstand gemacht haben. Er wollte, dass die Auflage aus den Kiosken und so weiter entfernt werden solle und ersetzt durch eine korrigierte Version.“
„Schon klar! Eine, die zu seinen Gunsten ausfällt mit Lobenshymnen.“
„Wir waren ja auch anwesend und haben davon gehört. Wir haben auf die Redaktion eingewirkt, dass diese sich nicht auf so etwas einlassen sollte. Wie Du Dir denken kannst, hat das wieder jemand dem ‚Heiligen‘ gesteckt. Wir waren – Klarer Fall – die Bösen. Denn durch unser Handeln hatte die Redaktion auf stur geschaltet. Es gab keine Revision. Die Entschuldigung des Redakteurs ist damit hinfällig geworden.“
Heinrich kam aus dem Kopfschütteln nicht heraus. Die Edelleute grinsten breit und alle drei begannen wieder zu lachen.
„Da er ja sooo ein Gutmensch ist, initiierte er vor ein paar Monaten irgendeine Schutzinitiative“, begann Sabine, die Edelfrau, „frage mich nicht, was es genau ist, jedenfalls hat der ‚heilige Simon‘ anscheinend schon – Ich nenne es mal so – ‚Erfolg bei Unterstützern‘ gehabt. Wir blicken noch nicht ganz durch, um welche Tiere oder Wesen es sich handelt. Aber wir sind dran.“ Heinrich warf ein: „Vielleicht für kleine narzisstische Wichte!“
Das Gelächter setzte wieder ein.
„Es gab noch einige Faux-Pas von seiner Seite…“, begann der Edelherr, doch Heinrich warf ein, dass man diese wohl gar nicht zählen könnte.
„Der ‚heilige Simeon‘ hatte sich wohl ausgemalt, dass er offiziell Botschafter würde. Er sieht sich ja selbst sowieso als einzig wahrer Botschafter, von allem irgendwie. … Wir sind durch das Überstehen der Querelen mit ihm in den Fokus geraten. Dann hatten wir noch zwischen zwei Gruppen geschlichtet. Weswegen das Außenministerium und der Präsident an uns heran getreten sind, wissen wir nicht ganz. Es scheint aber auch etwas damit zu tun zu haben, dass wir als Chronisten und Schreiberlinge einigermaßen Bekanntheit und Beliebtheit erlangt haben. Auch scheint unsere offene Art mitgespielt zu haben.“
„Man darf natürlich nicht vergessen“, verstärkte die Edelfrau noch, „dass er uns permanent als Monarchisten beziehungsweise reaktionäre Kräfte denunziert hatte. Da wir aber – wie mein Herzallerliebster schon sagte – eine offene Art haben, musste jeder selbsternannte Feind von uns irgendwann erkennen, dass wir doch Liberale sind. Er stand mit seinen Denunzierungen irgendwann alleine. „
Heinrich nickte: „Nachträglich noch meinen herzlichen Glückwunsch!“
„Vielen Dank!“

Sabine nahm sich die leere Flasche und holte eine neue. Sie goss die Krüge wieder voll.
Heinrich und Dietmar gingen ihren Gedanken nach, dann schauten sie sich beide an und begannen herzlich zu lachen.
„ ‚Der heilige Simeon!“ sagte Heinrich, während er sich sichtlich amüsierte, „Kein Fettnäpfchen ist für ihn unerreichbar.“
„Was mich brennend interessieren würde“, sagte die Edelfrau, „mir ist nicht ganz klar, wann Du in das Temporäre Fragment geraten bist. Ich meine damit, nicht die Krönung Karls des Großen, sondern in welchem Jahr Du Dich vorher in der Absolutzeit aufgehalten hast.“
Heinrich überlegte murmelnd: „Vor der Krönung von Karl war ich 1153 in Konstanz beim Hoftag, auf dem Papst Eugen Ⅲ. und Friedrich Barbarossa einen wichtigen Vertrag unterzeichneten, in dem sich beide Versprechungen zur gegenseitigen Zusammenarbeit gaben. So versprach dieser als Schutzherr des Papstes einzutreten, während der Papst die Kaiserkrönung in Aussicht stellte. … Davor war zu Hause … Ja … doch …“
Er räusperte sich und sagte laut: „Als die ‚Organisation der Zeitreisenden‘ zehnjähriges Bestehen feierte.“
„Aaah“, machte Dietmar von Syntronica, „da waren wir auch.“
„Um noch gleich die andere Frage zu beantworten. Ich bin 47 Jahre alt ohne die Zeit im Fragment zu rechnen.“

Während des Gesprächs war Sabine zwischendurch in der Küche gewesen und hatte das Entenragout vom Vortag erhitzt. Eine Pfeife ging.
„Wir können essen“, sagte sie.
Alle Drei gingen in die Kombüse.
„Setz Dich!“, sagte Dietmar, woraufhin Heinrich meinte, er helfe mit beim Tischdecken.
Während sie etwas später aßen, drückte Heinrich sein Erstaunen zum Ausdruck, wie reisig die Kombüse doch war. Eine Kombüse war in der Regel eine sehr kleine Kemenate, doch in diesem Schiff, das die Edelleute von Syntronica privat nutzen, war es anders, eben größer.
Beim Essen unterhielten sie sich noch über dies und das.
Während Sabine, Dietmar und Heinrich noch in gemeinsamen Erinnerungen der Feier des zehnjährigen Bestehens der „Organisation der Zeireisenden“ sprachen, machte es plötzlich „Kling“ und Heinrichs Gabel fiel auf den Teller, danach polterte das Messer auf den Boden.
Beide von Syntronicas schauten erschrocken auf.
„Heinrich?“
Beide schauten sich verwirrt an, machten erschrockene Gesichter und standen auf.
„Er ist weg“, sagte Sabine, während Dietmar das Messer aufgehoben hatte, „wie er sagte, ohne Vorwarnung!“
„Er hat nicht mal gestottert oder im Redefluss gestockt. Einfach von der Bildfläche verschwunden … Wo er jetzt wohl sein mag!“


Es war der 28.6.1708 und die Uhr zeigte drei Ihr, allerdings nachmittags.
Die Edelleute standen vor dem Fundament auf der rechten Seite des Doms vom Tor aus gesehen. Dietmar Edelherr von Syntronica schaute sich um. Sabine nickte ihm zu: „Die Luft ist rein.“
Er griff in sein Jacket und holte einen Schmiedehammer heraus.
Er nahm Maß und schlug auf eine Steinkiste ein. Ein paar Schläge waren nötig, bis der Deckel nachgab und barst.
Er reichte seiner Gemahlin den Hammer und griff in die Kiste hinein. Als er die –hand wieder herauszog, hatte er einen schwarzen Mantel in der Hand. Er griff nochmals hinein und bekam noch einen zu fassen. Sabine beäugte beide kritsch und machte : „Aha!“

Dietmar nahm den Hammer und machte sich an der Kiste zu schaffen und zertrümmerte sie in kleine Teile.
„Das dürfte reichen“, sagte er und steckte den Hammer wieder in sein Jacket, „irgendjemand wird den Schutt schon sehen und wegschaffen.“

Beide trugen die dunklen Mäntel auf ihren Armen.
„Ich ziehe den Mantel einfach über mein Jacket“, sagte Dietmar.
„Meiner ist etwas groß. Naja, besser als auf dem Arm.“
Sie warf ihn sich über und wollte ihn schließen. Der Mantel schrumpfte plötzlich und nahm eine kleinere Form an.
„Mein Mantel sitzt jetzt perfekt“, kommentierte sie, „schau mal, schau mal.“
Der Edelherr drehte sich herum zu ihr und meinte: „Hat sich Deiner auch angeschmiegt?“
„Ja.“
Sie zeigte auf den Mantel und schaute verdutzt.
„Deswegen hat er uns nicht gesagt, was es war.“
Die Edelfrau stolzierte vor ihrem Gemahl her und lächelte breit.
„Der Heinrich!“

Sie stoppte kurz und blieb stehen, da neben ihnen eine Gruppe von vier Männern und vier Frauen herging.
Die Edelleute wollten weiter gehen, doch die Edelfrau rief: „Hattest Du gerade nicht einen dunkelbraunes Jacket an?“
Er drehte sich fragend zu ihr um und sah sie in einem weißen Kleid mit Aufschlägen.
Er schaute sie verblüfft an und musterte sie, während sie ihn kritisch in Augenschein nahm.
Beide waren fassunglos. Die Edelfrau trug urplötzlich ein weißes Kleid und der Edelherr eine helle Hose mit grüner Jacke. Sie schauten an sich herab. Es dauerte einige Minuten, bis sie sich beruhigt hatten.
Der Edelherr zog die helle Jacke aus. Direkt hatte er den schwarzen Mantel wieder in der Hand. Die Edelfrau tat es ihm nach.
Dann zogen sie den Mantel wieder an und ohne eine Vorwarnung trugen sie wieder Kleidung des frühen achtzehnten Jahrhunderts.

Bei den Edelleuten hießen die Mäntel fortan „Chamäleonhäute“ oder „Chamäleonmäntel“ und Heinrich erfurchtsvoll „Der Mann mit der Chamäleonhaut.“

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