Eine Zeitreise-Geschichte

Es war ein frischer, aber sonniger Herbstnachmittag.
Herr Schlottbohm ging mit der Leine in der Hand den Weg zum Landsitz herunter. Cora trottete in einigen Metern lahm hinter ihm her. Herr Schlottbohm blieb stehen, bis sie auf seiner Höhe war, und hockte sich zu ihr.
„Cora, Dein Frauchen und Dein Herrchen kommen bald wieder“, sagte er mit weicher Stimme und kraulte sie unter dem Schnäuzchen, „Komm, wir gehen herein. Dann bekommst Du Leckerchen.“
Cora interessierte dies nicht. Sie schaute ihn zwar an, aber mehr nicht.
Er stand auf, zog sich sein Jackett zurecht, schüttelte den Kopf und schaute zu Cora.
„Die Ärmste“, dachte er, „seitdem die Edelfrau und der Edelherr verschwunden sind, ist sie vollkommen verändert. Sie kennt es ja auch nicht ohne die beiden.“
Cora öffnete ihre Schnauze und die Zunge wurde sichtbar. Sie atmete etwas lauter und setzte sich hin. Ihre Rute wedelte. Sie schaute aber nicht Herrn Schlottbohm an. Es wirkte so, als würde sie lächeln. Sie hatte ihren Kopf Richtung des Hauses gedreht.
Herr Schlottbohm versuchte herauszufinden, was sie anvisierte und schaute in die Richtung ihres Blicks.
Kurz meinte er, es wäre die Luft für einen kurzen Augenblick helllila geworden.
Dann gab es einen leichten Luftzug und plötzlich stand jemand vor ihm.
Cora schoss nach vorne, während Herr Schlottbohm irritiert den Mann vor ihm anschaute.
„Potzblitz!“, machte er und zuckte zusammen.
Cora machte sich lang und kam an den Mann hoch. Sie wedelte mit der Rute. Sie freute sich.
„Cora!“, sagte der in Braun gekleidete Mann. Er kraulte sie. Cora genoss dies euphorisch.
Dann schaute er Herrn Schlottbohm an, grinste und meinte: „Mein Name ist nicht Potzblitz, sondern Lapicida.“
Herr Schlottbohm stammelte, immer noch irritiert, seinen Namen.
„Sie sind einer der Hausdiener“, sagte Herr Lapicida und reichte ihm die Hand, „Angenehm, Herr Schlottbohm.“ Beide schüttelten sich die Hände, Herr Schlottbohm eher apathisch.
Sein Gegenüber wollte Cora wegziehen, doch Herr Lapicida winkte ab: „Lassen Sie Cora ruhig! Wir haben uns lange nicht gesehen.“
Cora freute sich und machte ihre Freude laut kund.
„Wo kommen Sie plötzlich her?“
„Ich kann mich willentlich durch die Zeit bewegen“, sagte der Angesprochene, „Ich komme, weil ich die Edelleute gerne sprechen möchte.“
„Das tut mir leid, Herr Lapicida. Die Edelleute wurden seit drei Tagen nicht gesehen. Niemand weiß, wo sie sich befinden.“
Der Blick des anderen hatte sich verfinstert.
„Was ist passiert?“
„Sie waren in der Botschaft. Ich hatte sie dorthin gefahren. Sie schickten mich, wie immer vor einem Arbeitstag dort, zurück und sagten mir, sie würden sich melden, wenn sie mich bräuchten. Seitdem …“
Er zuckte mit den Schultern und schaute nach unten.
Cora visierte Herrn Lapicida erwartungsvoll an.
„Kommen Sie, Herr Lapicida! Gehen wir doch ins Haus.“
„Vielen Dank!“
Als die beiden ins Haus gingen, sprang Cora Herrn Lapicida vor Freude immer wieder an. Er stupste sie, kraulte sie und beide gaben sich Küsschen. Cora war außer sich. Sie jaulte zwischendurch und wedelte so heftig mit der Rute, dass man hätte meinen können, das Hinterteil wäre heruntergefallen. So freute sich die kniehohe hellbraune Hündin.
„Entschuldigen Sie bitte, Herr Lapicida!“
Herr Schlottbohm ging kurz heraus und kam mit einem Tablett zurück. Cora und ihr Freund kuschelten immer noch.
„Was darf ich Ihnen anbieten?“
Herrn Lapicida schaute kurz hoch.
„Ich möchte nicht unhöflich erscheinen ob der Alkoholika, aber eine Tasse Java hätte ich liebend gerne.“
„Selbstverständlich!“
Herr Schlottbohm entfernte sich, ließ das Tablett aber mit den Worten „Vielleicht für später“ stehen.
Cora und Herr Lapicida machten weiter, als wäre nichts passiert. Cora japste vor lauter Freude.
Herr Schlottbohm kam begleitet von einem hochgewachsenen Mann zurück und stellte vor: „Commodore Blackrock – Herr Lapicida!“
Beide verbeugten sich kurz, gaben sich die Hand und sagten: „Angenehm!“ zueinander.
„Commodore Blackrock ist ein Studienkommilitone von den Edelleuten und verkehrt regelmäßig hier.“
„Damit kann ich nicht aufwarten“, antwortete Herr Lapicida und grinste breit, „Ich kenne die beiden im Gegensatz zu Ihnen, Commodore, nicht so eng.“
„Ich weiß, die Edelleute haben mir von Ihnen erzählt. Es muss schrecklich sein, nie zu wissen, wann und wo man hinkommt.“
„Das war schrecklich.“
Commodore Blackrock schaute ihn mit schräggelegtem Kopf an und zog die rechte Augenbraue hoch.
„Um es aufzulösen, Commodore. Ich beherrsche seit einiger Zeit willentlich das Zeitreisen. Ich arbeite schon seit einem halben Jahr wieder in meiner originären Arbeit. Ich bin ArchäologeArchäologie Die Archäologie erforscht die kulturelle Entwicklung der Menschheit. und leite Grabungen in Pompeji.“
„Oh!“ machte der Commodore.
Herr Lapicida zückte etwas, das als Ring zu erkennen war: „Wobei wir schon beim Zweck meines Besuchs wären.“
Commodore Blackrock starrte das kleine Ding an, dass Herr Lapicida in seiner Hand hielt.
„Dieser Ring ist zwar aus Pompeji“, sagte er, „aber ich kann mich nicht erwehren dagegen, dass er genauso aussieht wie von Sabine und Dietmar – Verzeihung! – von den Edelleuten.“
„Darf ich?“
Herr Lapicida übergab ihm den Ring, der sehr mitgenommen aussah.
Commodore Blackrock schaute ihn einige Zeit schweigend an und drehte ihn immer wieder hin und her: „Das ist unglaublich.“
„Nicht wahr?“
„Sie haben ihn in Pompeji gefunden?“
„Er steckte oben in ausgehärteter Lava fest.“
Der Commodore schüttelte leicht den Kopf.
„Ich bin direkt damit nach hier gekommen.“
Commodore Blackrock schaute den Ring weiterhin verblüfft an.
„Das Kuriose an dem Ring ist“, sagte Heinrich Lapicida, „Dass die Legierung nicht original aus der Zeit des antiken Pompejis stammen kann. Diese gab es noch nicht und die Zacken oder Moduln der Zahnräder sind nicht bekannt gewesen. Es gab zwar Zahnräder, aber die waren groß und aus Holz. Es wurden nie solche Schmuckstücke gefunden. In der gesamten Epoche über verschiedene Völker und Kulturen nicht.“
„Das ist alles sehr seltsam, Herr Lapicida.“
Cora hatte nur Augen für Herrn Lapicida und hatte sich vor ihn gesetzt. Sie bellte. Er kraulte.
Herr Schlottbohm brachte ihm einen Java, also eine Tasse Kaffee, und stellte dem Commodore ebenfalls einen hin.
„Das wäre nicht nötig gewesen“, sagte er, nach dem „Danke“, „ich weiß doch, wo er steht.“
„Herr Schlottbohm, was meinen Sie zu dem Ring?“, fragte Herr Lapicida den Hausdiener. Commodore Blackrock gab ihm das Schmuckstück.
Er setzte seine Brille auf und begutachtete das kleine halb von Lava bedeckte Teil.
„Wo haben Sie ihn her?“
„Erstes Jahrhundert nach Christi Geburt. Er lag in einem Untergeschoss eines Hauses in Pompeji, das mit Lava halbvoll gelaufen war, oben auf der Lavaschicht.“
Herr Schlottbohm schaute ihn mit offenem Mund an.
„Sie werden sich wundern, Herr Schlottbohm, solche Schmuckstücke hatte es zu der Epoche nochnicht gegeben. Zudem kommt, dass es die Legierung des Ringes noch gar nicht gab.“
„Dann hat ein Zeitreisender die Direktive 6 nicht beachtet“, sagte Herr Schlottbohm, „das ist ein Verstoß gegen die Nichteinbringung. Zynisch ausgedrückt, ist es nur in Pompeji passiert.“
Commodore Blackrock lachte laut, Herr Lapicida konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
„Die Intention, weswegen ich gekommen bin, ist, dass ich glaube, dass jemand von den Edelleuten den Ring verloren hat.“
„Das glaube ich nicht“, warf der Commodore ein, „die Edelleute fahren generell nicht zu Katastrophen, Kriegen oder anderem. Das ist ihr eher es Gesetz. Dies gilt auch für Chrono.Tours. Dafür besonders. Sie wollen sich nicht das Elend Anderer anschauen und zweitens soll dies auch niemand sonst tun.“
„Das hatte ich auch nicht anders erwartet“, sagte Herr Lapicida. Herr Schlottbohm nickte bestätigend.
Dann meinte er : „Ich habe eine Theorie, meine Herren.“
Der Commodore machte eine ausladende Handbewegung, dass er seine Vermutung kundtun solle.
„Kann es sein, dass sie unfreiwillig dort havariert sind?“
Commodore Blackrock schaute erschrocken.
„Commodore, wir haben niemanden in dem Haus oder in einem der Nachbarhäuser gefunden.“
„Puh!“
Der Commodore bekam wieder Farbe.
„Ich könnte schauen“, schlug sich Herr Lapicida an die Stirn, „Warum bin ich nicht schon früher darauf gekommen! Sowas aber auch.“
Cora wedelte mit der Rute, als ob sie meinte, sie wolle mit. Sie kam an ihm hoch und leckte ihm die Hand.
„Wenn die beiden dort in der Nähe waren oder dort hergekommen sind, kann sie sie wahrnehmen.
Cora bellte laut und meinte wohl :“ Los geht es. „
Herr Schlottbohm brachte ihm die Leine und machte sie an Coras Geschirr fest.
„Nicht erschrecken!“, sagte Herr Lapicida und trat mit Cora einen Meter zurück. Er nahm sie auf den Arm.
Dann wurde es kurz lila. Die einfallende Luft machte „Plopp!“ und beide waren auf Zeitreise.
Cora zog direkt an der Leine, als beide im Jahr 97 angekommen waren.
„Wo willst du denn hin?“ fragte Herr Lapicida. Cora jaulte und wimmerte zugleich. Die beiden liefen Richtung eines Hauses, aus dem schreiend Leute liefen.
Dann sah Cora ihr Herrchen und Frauchen. Sie kläffte laut.
„Ich sehe sie auch“, bestätigte Herr Lapicida.
Er sah die beiden, wie sie an der Tür rappelten.
Während er überlegte, wie er die beiden retten soll, hörte er ein Rauschen, das anschwellte.
Ein schmales Fluggefährt stand hinter ihm.
Das Gefährt öffnete eine Luke, etwa mannshoch. Es manövrierte an das Haus.
„Heinrich, geh zur Seite! Sag es den beiden auch. Ich schieße die Tür frei.“
Nach ein paar Sekunden schoss Commodore Blackrock die Tür an, die dann nachgab.
Sabine und Dietmar von Syntronica sahen ihn und kletterten in sein Flugboot.
Dann verschwand das Flugboot.
Cora war außer sich.
Herr Lapicida nahm sie widerwillig auf seinen Arm.
Dann wurde es kurz lila und sie waren wieder zurück.
Kurz darauf trafen die Edelleute mit dem Commodore ins Wohnzimmer.
Sie bedankten sich überschwänglich.
Sie erzählten, sie wären von Unbekannten entführt worden und nach Pompeji gebracht worden.
Sie waren glücklich gewesen, als sie kurz nach dem Einsperren in dem Haus plötzlich Herrn Lapicida, Cora und Commodore Blackrock gesehen hatten.
„Ihr seid aufgefallen“, sagte der Commodore, „Ihr seid jemandem von den sogenannten Händlern in die Quere gekommen.“
„Die Händler?“
„Ihr könnt Euch doch erinnern, als ich angeschlossen zu euch kam. Ihr seid doch zufälligerweise in der gleichen Zeit im MittelalterMittelalter Das Mittelalter ist die Epoche in der europäischen Geschichte zwischen dem Ende der Antike und dem Beginn der Neuzeit, also etwa die Zeit zwischen dem 6. und 15. Jahrhundert. gewesen. Dort habe ich mich unfreiwillig mit welchen von den Händlern angelegt. Anscheinend hat diese üble Gesellschaft auch euch ins Visier genommen. „
„Die Händler“, machte Herr Lapicida.
„Heinrich“, sagte Commodore Blackrock, „Du darfst niemanden sagen, dass es diese gibt.“
Dieser nickte.
Die Edelfrau schaute plötzlich ihre linke Hand an.
„Wo ist mein Zahnradring? Den hatte ich doch gerade noch an meinem Finger.“
Herr Lapicida nahm etwas aus seiner Tasche und winkte mit einem kleinen lavabedeckten Teil.
Commodore Blackrock und er lachten.

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